Süß. Mit befreiendem Applaus quittierte das mit der tragischen Figur leidende Publikum das gesangliche Duett am Ende des dritten Aktes der beiden imaginären Figuren Ratsch und Tratsch. Zuvor musste eben dieser Franz Erbhofer in einer sich immer mehr zuspitzenden Tragödie das Köfferchen packen und seine Fanny und seinen Bauernhof verlassen. Nicht nur dieser ungewöhnliche Ausgang des Theaterstücks, sondern auch das kulinarische Drumherum in Form eines kalten Büfetts kam bei den Premierenbesuchern hervorragend an.
Zwei Experimente kündigte Moderator
Bernhard Lindner dem Publikum in seiner Begrüßung zur Premiere des
Theaterstücks "Ratsch und Tratsch" an. Einmal das kalte Büfett mit
verschiedensten Leckereien, mit dem die Theaterfreunde Süß die Premiere
erstmals zu einem besonderen Event machen

wollen. Nach der Stärkung unter musikalischer Begleitung der "Wetterberger", dann
ein Theaterstück mit "ungewöhnlichem Ausgang", das zunächst einmal ganz
konventionell beginnt: Postbote Oberwösser (Franz Flierl) kommt aus der
Tiefe des Saals und teilt Briefe an ausgesuchte Persönlichkeiten im
Publikum aus. Wie es sein Beruf verlangt, trotz Postgeheimnis natürlich
bereits mit Detailwissen, was sich in den Couverts befindet.
Auf der Bühne angekommen, nimmt das
Schicksal seinen Lauf, als er dem Bauern Franz Erbhofer (Thomas Fenk)
einen "persönlichen Brief" aus der Stadt zustellen muss. Da dieser die
Hände voll Arbeit hat, kann er ihn nicht öffnen. Die Kramerin (Brigitte
Bauer), hinter ihrer Ladentür hervor lugend, vermutet eine unerwartete
Erbschaft. Den Spekulationen sind nun Tür und Tor geöffnet.
Nun beginnt Schema Tratsch: Zunächst wird
mit vielen Verrenkungen Dorfratschn Maria Fotzner (Kristina Koch)
eingeweiht. Um dem Komplott nachzuhelfen, treten unerwartet zwei skurrile
Harlekine, liebevoll wie auch die übrige Truppe hergerichtet von Gabi
Ströhl, auf die Bühne. RATSCH (Matthias Lindner) und TRATSCH (Stefanie
Koch) reden der Dorfratschn eindringlich ins Gewissen, bis das Gerücht
seine Verbreitung findet, übernehmen die

"Regie" des Stücks, lenken die Phantasien der übrigen Akteure und manipulieren die
Schauspieler in den verderblichen Ausgang. Das Publikum lässt sich von den
beiden imaginären Figuren zum Ende des ersten Aktes mit einem Lied und
während des zweiten Aktes in Gedichtform "is des niat schee" in den Pakt
einbinden. Bei der genetisch vorbelasteten Schmatzerin (Christine
Schüller), Gattin des Totengräbers und Nachtwächters, haben die beiden
auch leichtes Spiel. Das trio infernale mit Kramerin, Schmatzerin und
Maria Fotzner, von der Ratsch und Tratsch behaupten "sie ist doch unsere
Beste", ist gebildet.
Doch der Wirts-Kare (Gilbert Hirschmann) wird ebenso umgedreht wie Nachwächter
Achatz (Christian

Lindner) und selbst Postbote "Oberwösser,Oberwösser, Oberwösser..." wird so lange beschworen, bis feststeht, "dass der Erbhofer für die christliche Dorfgemeinschaft nicht mehr tragbar ist".
Regisseur Matthias Ströhl lässt dabei dem Publikum mit dumpfen
Paukenschlägen im Orff'schen Takt und dem "jüngsten Gericht" der
Dorfbewohner den kalte Schauer auf die Haut treiben, um ihm gleich danach
von Ratsch und Tratsch den Spiegel über den eigenen zwiespältigen
Pausentalk vorzuhalten. Selbst die ansonsten dem Dorfklatsch nicht
zugetane Kellnerin Burgl (Kathrin Bauer) kann sich dem Bann nicht
entziehen und setzt mit "einem ledigen Kind in der Stadt" der
schluchzenden und verzweifelten Erbhoferin (Susanne Herzog) noch eins
drauf. Das Vertrauen zu "Franz" ist zerstört. Mit dem zweiten Duett
beenden Ratsch und Tratsch zufrieden ihr Werk, die Spannung im Publikum
entweicht und es erfährt, was wirklich in dem geheimnisvollen Brief
steht.